Redebeiträge

Hier findet ihr alle Redebeiträge, die auf unserer Demo gehalten wurden:

Initiative „Pogrom 91“ & Initiative „Cottbus 92“ & Bündnis „Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992“

Hallo und herzlich willkommen in Rostock-Lichtenhagen! 

Wir sind das Bündnis „Gedenken an das Pogrom – Lichtenhagen 1992“. Wir sind Initiativen, Vereine und Gruppen aus Rostock. Wir freuen uns sehr, dass so viele Menschen heute nach Rostock gekommen sind, um mit uns gemeinsam an das Pogrom in Lichtenhagen zu erinnern und gegen Rassismus auf die Straße zu gehen. 

Alle zehn Jahre gibt es viel Aufmerksamkeit für das Pogrom in Lichtenhagen. Politiker wie der Bundespräsident, die sich sonst kaum für rechte Gewalt oder Rassismus interessieren, kommen nach Rostock. Die Gefahr besteht, dass Rassismus und rechte Gewalt auf einzelne Ereignisse reduziert werden. Aber Lichtenhagen war kein Einzelfall! In ganz Deutschland gab es Anfang der 1990er Jahre rassistische Pogrome. Heute gibt es in vielen Orten Gedenkinitiativen, die die Erinnerung an die rassistischen Gewalttaten und besonders die Erinnerung an die Betroffenen der Gewalt wachhalten. Wir freuen uns sehr, diesen ersten Redebeitrag zusammen mit unseren Freund:innen von den Initiativen Pogrom ’91 aus Hoyerswerda und Cottbus ’92 halten zu können. 

Im ostsächsischen Hoyerswerda griffen Neonazis im September 1991 ein Wohnheim für ehemalige Vertragsarbeiter*innen aus Mosambik und Vietnam an. Innerhalb kürzester Zeit versammelten sich hunderte Anwohner*innen vor der Unterkunft und solidarisierten sich mit den Angreifer*innen. Nachdem die gewalttätigen Auseinandersetzungen mehrere Tage lang anhielten und immer weiter eskalierten, wurde der Großteil der Angegriffenen aus der Stadt gebracht, viele direkt in ihre Herkunftsländer ausgewiesen.  Infolge dieser Kapitulationserklärung verlagerten sich die rassistischen Krawalle vor eine Unterkunft für Asylsuchende. Am siebten Tag des Pogroms wurde schließlich auch die Evakuierung jener Unterkunft veranlasst. In Bussen wurden die Bewohner*innen unter dem Beifall von bis zu 1.000 Schaulustigen aus der Stadt gebracht und teils gegen ihren Willen auf Wohnunterkünfte in anderen sächsischen Orten verteilt. Aus Angst vor weiteren Angriffen versuchten viele von ihnen im Anschluss auf eigene Faust oder mit Unterstützung von Aktivist*innen nach Berlin und Westdeutschland zu gelangen.

Ein knappes Jahr später und genau eine Woche nach dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen, griffen vom 29.08.1992 bis zum 31.08.1992 circa 200 organisierte Neonazis zusammen mit extrem rechts und rassistisch motivierten Unterstützer*innen eine Unterkunft von Geflüchteten im Cottbuser Stadtteil Sachsendorf an. Zu dem Zeitpunkt lebten in der völlig überfüllten Unterkunft ungefähr tausend Menschen, viele von ihnen aus Rumänien. Erst nach drei Tagen beruhigt sich die Situation. In der Presse werden die Ereignisse danach vielfach bagatellisiert und entpolitisiert, Betroffene und Gegenstimmen kommen nicht zu Wort. Heute erinnert sich kaum noch jemand an das Pogrom und über die damaligen Bewohner*innen ist uns bisher nichts bekannt. 

Das Pogrom in Lichtenhagen konnte eigentlich niemanden überraschen. In Hoyerswerda hatte es die Mischung aus rassistischer Stadtgesellschaft, fehlenden Schutz durch die Polizei und einem gewalttätigen Mob bereits gegeben. Und mit dem Pogrom in Lichtenhagen endete die Gewalt keineswegs. Stattdessen fühlten sich Rassist:innen in ganz Deutschland ermutigt, die Angriffe nachzuahmen. So wie in Cottbus.

In Hoyerswerda haben wir mit der Initiative Pogrom ’91 vor mehr als zehn Jahren damit begonnen, uns auf lokaler Ebene für eine kritische Aufarbeitung der rassistischen Krawalle vom Herbst 1991 einzusetzen. Unser damaliges Engagement stieß auf breite Ablehnung. Wir wurden als Nestbeschmutzer wahrgenommen, weil wir der vorherrschenden Erzählung einer zu Unrecht stigmatisierten Stadt widersprachen. Erst die bundesweite Unterstützung verschiedener Gruppen und die anhaltende Berichterstattung bewirkten in den nachfolgenden Jahren ein schrittweises Umdenken vor Ort. Seit 2014 erinnert ein städtisches Denkmal unweit eines der Angriffsorte an das Pogrom. Die Konzeption des Denkmals halten wir nach wie vor für unzureichend und kritikwürdig. In Reaktion darauf haben wir in den vergangenen Jahren einen eigenen digitalen Erinnerungsort geschaffen und gemeinsam mit anderen versucht, Betroffene der damaligen Angriffe in das lokale Gedenken einzubeziehen. Nach 30 Jahren fand im letzten Jahr erstmals eine offizielle Gedenkveranstaltung statt, zu der auch ehemalige Asylsuchende und Vertragsarbeiter nach Hoyerswerda eingeladen wurden.

Auch für unsere Initiative Cottbus ’92 stehen die Perspektiven der Betroffenen von rechter Gewalt im Fokus. Allerdings sind die Stimmen jener, denen die Angriffe in Cottbus Sachsendorf galten, kaum dokumentiert und somit für die Auseinandersetzungen im Rahmen von Erinnerungs- und Gedenkarbeit nicht vorhanden. Um ein kritisches Gedenken zu ermöglichen arbeiten wir mit Archivmaterial und sprechen mit Zeitzeug*innen. Wir versuchen über die Auseinandersetzung mit den damaligen Ereignissen auch eine Sensibiltät für extrem rechte und rassistische Gewalt in Cottbus bis heute zu schaffen. Gemeinsam mit Menschen, die in den letzten 30 Jahren rechte Gewalt erleben und dagegen Widerstand leisten, werden wir nächsten Sonntag – 4. September – eine Gedenkveranstaltung am damaligen Ort des Geschehens durchführen. Gegen das Vergessen.

Egal ob in Hoyerswerda, in Cottbus oder in Rostock: die Arbeit unser Initiativen eint die Erinnerung an rechte Gewalttaten und der Kampf gegen Rassismus in der Gegenwart.  Den Pogromen 1991 und 1992 folgten rassistische Asylgesetzverschärfungen, deren Auswirkungen Geflüchtete bis heute spüren müssen. Die Generation der Neonazis, die in Hoyerswerda, Rostock und Cottbus Erfolge feiern konnte, ermordete später mit dem Terrornetzwerk NSU zehn Menschen. An die Pogrome der 1990er Jahre zu erinnern, bedeutet für uns gegen rechte Strukturen und staatlichen Rassismus in der Gegenwart zu kämpfen. Erinnern heißt verändern!

Dabei sind für uns die Perspektiven und Stimmen der von Rassismus Betroffenen zentral. Sie sind die Hauptzeug:innen des Geschehens. Ohne sie kann kein Gedenken angemessen sein. Darum freuen wir uns sehr, dass nun Vertreter:innen von Dien Hong, Verteter:innen des Rostocker Migrantenrats, Ibrahim Arslan und Vertreter:innen der Betroffenen der Anschläge in Halle und Wiedersdorf  sprechen werden. 

Le Bao Han – Diên Hồng – Gemeinsam unter einem Dach e.V.

Le Bao Han – 27. August 2022

Hallo liebe Zuhörer,
Ich möchte meine Rede erstmal mit einer kleinen Geschichte starten.
Wissen sie jedes Mal wenn ich mich vorstelle, kommt automatisch die Frage auf woher ich denn komme. Ich habe kein Problem mit dieser Frage. Eigentlich nie. Es ist ja normal jemanden nach seiner Herkunft zu fragen. Sehen sie ich wurde in Rostock geboren, war im Kindergarten, Grundschule, Gymnasium und habe fast nie eine Ausgrenzung von
meinen mehrheitlich Deutschen Klassenkameraden gespürt. Erst vor einem Jahr habe ich den Ursprung der Frage: „Woher kommst du?“ verstanden. Ich sehe nicht Deutsch aus, deswegen wird mir die Frage gestellt. Ich werde nicht als Deutsch wahrgenommen und es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen mir und einem Deutschen mit deutschen Eltern. Ich bin einfach nicht Deutsch und genau in diesem Moment habe ich das Konzept von Rassismus begriffen.
Damals vor dreizig Jahren, da haben die vietnamesischen Vertragsarbeiter sofort diesen Unterschied bemerkt, in dem Augenblick wo sie in Deutschland gelandet sind. Genau wie die Sinti und Roma waren sie sprachlich ausgegrenzt sowie räumlich im Sonnenblumenhaus und ich denke nicht, dass ich erklären muss was an jenem Samstagabend 1992 passiert ist. Wir alle wissen das Steine vom Asphalt Fenster und Familienbilderrahmen zerschmetterten und ein Feuer die Wohnung und die dort lebenden Vietnamesen verbrennen soll. Und denen war es egal ob ein Mann, zwei Frauen oder zahllose Kinder umkommen. Wir können von Glück reden, dass es keine Toten gab.
Dieser Aufruhr ist aber nicht weniger bedeutsam für uns, weil es keine Tote gab. Jede Gewalt, sei es psychisch oder physisch, kann nicht gerechtfertigt werden durch Ideologien, Religionen und der eigenen Ethik. Die Menschen vor dreizig Jahren waren manisch und voller Zorn, sie hatten Molotov-Cocktails vorbereitet und waren so gewaltbereit, dass sie die Vietnamesen nicht mal mehr als Menschen sahen, sondern als ein Problem und für dieses Problem war das Feuer die Lösung.
Versuchen sie diese Gewalt an Wut, Frustration und diesen Hass zu verstehen. Halten Sie für einen kurzen Moment Inne und überlegen sie mal. Waren sie jemals so wütend? Wann war das letzte Mal das sie so voller Hass waren? Kann ihr Zorn gegenüber einer Personengruppe so stark sein, dass sie bereit wären diese unschuldigen Menschen zu verletzen?
Jetzt wo sie eine Vorstellung haben in welchem Zustand die Brandstifter damals waren und vielleicht welche Angst alleine diese Gewaltbereitschaft hat, finden sie das denn noch menschlich?
Meine Antwort ist eindeutig:
Menschen, die sich so verhalten sind keine Menschen mehr. Sie sind gewaltbereite Hüllen ihrer Selbst, die ihre Werte und Vorstellungen verteidigen, dass ihre Hautfarbe besser ist als jede andere.

Rassismus, Sozialdarwinismus, Evolutionärer Humanismus sind gefährliche pseudowissenschaftliche Ideologien. Da gibt es keine moralische Diskussion, ob Sie einen Asiaten anders behandeln sollten als einen Europäer.
Ich bin Migrantin 2. Genration und ich sehe meine äußeren Merkmale, die implizieren dass ich nicht deutsch bin, aber genau wie jeder andere Deutsche nicht aussieht wie ich, heißt dass nicht dass ich Deutsche anders behandle als Vietnamesen. Das selbe gilt auch für die Mehrzahl der Jugendlichen und jungen Erwachsen. Die Jugend weiß, dass das Aussehen keinen Einfluss auf dein Verhalten gegenüber einer anderen Person haben sollte, aber trotzdem werden vor allem in sozialen Meiden einige asiatische Kulturen verunglimpft, andere verherrlicht bis hin zur Fetischisierung — und durch all den Wirrwarr aus gutgemeinten und diskriminierenden Rassismus, verlieren Jugendliche das Gespür dafür, wer oder welcher Kommentar rassistisch ist. Und genau deswegen sind wir hier. Wir müssen uns daran erinnern, dass diese rassistischen Strukturen bis heute existieren und vereinzelt an die Jugend weitergegeben werden.

Und als Rostockerin, die hier an der Schule war, reichen 15 min. eines Dokumentarfilms von Rostock-Lichtenhagen definitiv nicht aus, um die umfangreiche Geschichte von Ausländerfeindlichkeit zu verstehen. Das auch heute dieser Rassismus überlebt hat, zeigt nur, wie wenig das Thema in den Schulen behandelt wird.
„Erinnern heißt verändern.“, bedeutet, dass ihre Aufgabe als Rostocker es ist, sich an diese Ereignisse nicht nur zu erinnern, sondern die Auswirkungen von Rassismus zu verstehen. Nur so können sie sich verändern und zwar zu einem Menschen, der aus Fehlern anderer lernt und bereit ist Moral- und Wertvorstellungen zum Besseren und
Gerechteren zu ändern.
Ich kann mich nicht an Ereignisse von vor dreizig Jahren erinnern, d.h. es ist auch ihre Aufgabe als Elternteil, Lehrer oder Freund der jüngeren Generation von solchen rassistisch motivierten Anschlägen zu erzählen und somit die Jugend neben all den lauten sozialen Medien zu erziehen, denn auch „Erzählen heißt verändern.“

Ibrahim Arslan – Freundeskreis in Erinnerung für die rassistischen Anschläge von Mölln 1992

Sehr verehrte Familien der überlebenden der rassistischen Angriffe und Pogrome von Rostock-Lichtenhagen, vielen Dank für euer Vertrauen und für diese Wundervolle Einladung hier sprechen zu dürfen.

Sehr verehrte Betroffene von rechter-rassistischer und Antisemitischer Gewalt, sehr verehrte Solidarische Genoss*innen,

ich bedanke mich auch bei Ihnen allen, es ist sehr schön hier bei euch zu sein, es ist schön das Ihr da seid.

Die rassistischen Angriffe und Pogrome im August 1992 jähren sich dieses Jahr zum 30. Mal. Diesen Anschlag zum Zeitpunkt des Geschehens überlebten knapp 100 Menschen zum größten Teil Vertragsarbeiterinnen aus Vietnam. Auf der Wiese vor dem Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen standen zum Zeitpunkt der Pogrome mehrere hundert Neofaschisten. Sie waren bereit, das Leben vieler Menschen auszulöschen. Die Motivation für solche Anschläge bekamen Sie aus verschiedenen Schichten der Gesellschaft kurz vor dem Anschlag in Lichtenhagen wurde eine Unterkunft in Hoyerswerda angegriffen, und anschließend erklärten die Einwohner von Hoyerswerda, das die Stadt von Ausländern befreit sei.

Eine Konsequenz aus der Justiz oder ein Aufsehen aus der Gesellschaft zu den Taten blieb komplett aus, im Gegenteil kurz daraufhin diskutierte die Regierung das Grundrecht aus Asyl abzuschaffen.
Die Anschläge in Hoyerswerda und in Lichtenhagen sind rassistisch Motiviert gewesen, und sie konnten nach der Schoah weiterhin auf deutschem Boden durchgeführt werden.
Die Konsequenzen sind die darauffolgenden rassistischen Anschläge wie in Hamburg, Hoyerswerda, Rostock, Mölln, Solingen, Lübeck, NSU, Halle bis hin zu Hanau gewesen. Die deutsche Justiz kann und möchte Jüdisches sowie das Leben von POC und B-POC nicht schützen. Diese Taten und noch viele weitere, zeigen uns, das weiß-deutsches Leben, über dem unseren steht.

Ich fordere euch alle auf anzufangen, dringender denn je, Grenzenlose Allianzen zu gründen, damit wir Widerstand leisten können!
Ich fordere euch alle auf Allianzen der Solidarität zu gründen, damit wir eine Würdige Gedenkkultur bauen können!
Ich fordere euch alle auf neben und hinter Betroffenen zu stehen aber niemals vor denen!
Mein Name ist Ibrahim Arslan, ich bin Opfer und überlebender der rassistischen Brandanschläge von Mölln 1992.
Unser Haus wurde am 23. November 1992 von Neonazis angezündet, bei diesem rassistischen Brandanschlag sind Yeliz Arslan 10 Jahre alt, Bahide Arslan 51 Jahre alt, und Ayse Yilmaz 14 Jahre alt ermordet wurden.
Ich habe den Anschlag auf meine Familie nur knapp überlebt, ich bin der Bruder der ermordeten Yeliz Arslan, der Cousin der ermordeten Ayse Yilmaz, das Enkelkind der ermordeten Bahide Arslan auch Sie wurden aus der Gesellschaft heraus, nicht geschützt.
Ich hätte nie gedacht, dass ich mein 7tes Lebensjahr überleben werde, als ich im Feuer Eingeschlossen war und über 4 Stunden um Hilfe gewartet habe. Meine Oma Bahide wickelte mich in Nasse Tücher und brachte mich in die Küche. Sie opferte Ihr Leben für meines.
Nun jetzt bin ich 37! Und zum Überleben verurteilt. Ich fühle mich so wie „Hey du hast es leider immer noch nicht geschafft“ Wir haben immer noch keine Gedenkkultur die gemeinsam mit Betroffenen und Angehörigen auf Augenhöhe, Organisiert wird.
In Zeiten wo Betroffene und Angehörige in so vielen verschiedenen Interventionen treten um diese Zustände sichtbar zu machen, muss die Zusammenarbeit mit Ihnen unumgänglich sein. Widersprüchlich jedoch beobachte ich, dass diese unermüdlich wichtige Arbeit von Betroffenen und Angehörigen auf eine Gesamtgesellschaftlichen Ignoranz prallt. Diesen Umgang mit Betroffenen und Angehörigen von Gewalttaten, definiere ich als den „zweiten Anschlag“.
Um meinen/unser Ziel, für eine Respektvolles und würdiges Gedenken, müssen wir noch sehr viel mehr Widerstand leisten.
Ich wurde nach dem rassistischen Brandanschlag auf meine Familie zum Überleben verurteilt, heute kämpfe ich für ein würdiges, respektvolles und vor allem für einen von Betroffenen und Hinterbliebenen erwünschtes Gedenken.
Dabei, ist Widerstand mein ewiger Begleiter. Widerstand ist für mich eine echte Möglichkeit, Betroffene zu ermutigen die Inszenierung dieser Gesellschaft und die Widersprüchlichkeitenin der Erinnerungspolitik wahrzunehmen und zu handeln.
Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Wahrheit so auszusprechen, wie ich Sie wahrnehme. Meine Wahrnehmung zum Institutionell-Gesellschaftlichen Gedenkpolitik, an die die von
Rassismus und Antisemitismus ermordeten, ist Respektlos und unwürdig.
Die Gesellschaft mit samt Ihren Behörden, Instrumentalisieren Betroffene und vereinnahmen Ihr Gedenken. Sie machen Erinnerungspolitik ohne die Betroffenen in die Diskurse der Entwicklung der Gedenkprozesse mit einzubeziehen.
Sie Maassen sich an, die Herrschaft über das Gedenken an sich zu reißen, um Ihren Image reinzuwaschen.
Hemmungslos schrecken Sie sich nicht davor zurück, ohne die Betroffenen und Angehörigen der Mordopfer das Gedenken zu Inszenieren.
Die Herrschaft über das Gedenken gebührt den Betroffenen und den Angehörigen der Mordopfer, Sie sind die Reihe im Glied des Gewebes der Zukünftigen und Vergangenen Gedenken.
Somit formuliere ich meine Forderungen erneut wie folgt:
„Opfer und überlebende sind keine Statisteninnen, Sie sind die Hauptzeuginnen des Geschehenen“
dementsprechend Not About us, Without us, Wie Sie alle schon merken, möchte ich nicht nur über die Positiven Geschehnisse im Leben berichten, sondern auch über den Schmerz, den Intensiven und ungelinderten Schmerz der Angehörigen und überlebenden.

Wir müssen die Betroffenen schützen, Sie Stärken und empowern.

Wir müssen aus den Erfahrungen der Betroffenen Lernen und die Gesellschaft Lehren.
Betroffene müssen stören dürfen, und wir dies ertragen lernen.
Wir müssen anfangen Widerstand zu leisten, gemeinsam mit Betroffenen, damit sich weiße friedlich-tolerable Gedenkkulturelle-Erinnerungspolitiken und die dadurch endstehenden Zustände ändern!
Gemeinsam mit Betroffenen und Angehörigen von Mordopfern aber auch mit Ihnen allen hier, möchte ich eine neue Gedenkkultur in die gesamte Gesellschaft Induzieren.
Eine Gedenkkultur die nicht über den Köpfen der Betroffenen hinweg inszeniert wird, sondern Solidarisch im Einklang auf Augenhöhe von Betroffenen definiert.
Gleichzeitig möchte ich an alle Betroffenen und Angehörigen appellieren:
Werdet Sichtbar, seit einfach da, zeigt das Ihr da seid, stört mit eurer Anwesenheit die Harmonie der Weiß-deutschen Gedenkkultur, seit stolz drauf wer Ihr seid, macht dies alles mit einer Radikalen Partizipation und ladet Menschen zu eurer Partizipation ein.
Ihr seid die Expertinnen über das Geschehene, Ihr seid die Hauptzeuginnen und genau so muss es gelesen werden.
Mir ist bewusst, dass Ihr sehr großen Herausforderungen ausgesetzt seid, die Ihr jeden Tag bestehen müsst, sei es in der Schule, auf der Arbeit oder in der Öffentlichkeit aber am Ende des Tages solltet ihr Wissen, das auch wir eine sehr große Mehrheit sind.
Wir sind quasi die größte Minderheit in dieser Gesellschaft, wir sind die, die von Gewalt betroffen sind und aus diesem Grund und noch vielen anderen gründen, haben wir das Recht auf Partizipation.
Ich bin mir sicher, falls das, was ich zu sagen habe, falsch sein sollte, wird es irgendein Betroffenen oder einen Angehörigen geben, der aufsteht und sagt, dass Ibrahim Arslan sich
geirrt hat.
Doch solange werden meine Sätze und meine Forderungen, weiter bestehen bleiben und solange wird jede*r Individuum zum Denken angeregt und gezwungen sein zu handeln.
Danke.

Jee-Un Kim & Maria Nguyen – korientation

Wir sprechen für korientation, einer post/migrantischen Selbstorganisation und einem Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven aus Berlin.  

Wir solidarisieren uns mit den Betroffenen des Pogroms, mit den vietnamesischen / viet-deutschen Communities, mit den Rom*nja-Communities, mit allen Betroffenen rassistischer und rechter Gewalt.

In unserem Verein sind Menschen mit unterschiedlichen Geschichten aus Asiatisch-Deutschen Communities. Uns eint, dass wir als asiatisch markierte Menschen in Deutschland leben und spezifische Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen teilen. Viele unserer Eltern sind als „Gast-“ oder Vertragsarbeiter*innen nach Deutschland gekommen, viele als Geflüchtete. Einige von uns lebten als Kinder in Wohnheimen, Geflüchtetenunterkünften. Wenn wir die Bilder des grölenden, hasserfüllten Mobs das brennende Sonnenblumenhaus stürmen sehen und die Tausenden Beifall klatschenden Bürger*innen vor dem Haus, berührt uns das direkt.  

Das hätten auch wir sein können.

Die Menschen im Sonnenblumenhaus vor 30 Jahren, die um ihr Leben bangten, hätten auch unsere Eltern sein können, unsere Onkels und Tanten, Cousinen, Brüder, Schwestern.

Wir erinnern an die tagelange extreme Gewalt, an die Todesängste der Betroffenen angesichts des rassistischen Mobs, denen sie nach dem Rückzug der Polizei ausgeliefert waren. Bis heute gab es keine offizielle Entschuldigung oder Wiedergutmachung.

Wir erinnern auch an den Widerstand und Mut der vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen, die sich mit Holzstangen gegen die eingedrungenen rechten Gewalttäter verteidigten und einen Weg fanden, um sich gemeinsam übers Dach ins Nachbargebäude zu retten.

Ein postmigrantisches, nicht-hegemoniales Erinnern muss die Überlebenden und Betroffenen von Rassismus und rechter Gewalt würdigen und erinnern. Die Betroffenen und ihre Perspektiven tauchen in den dominanten, täterzentrierten Erinnerungsdiskursen nicht auf. Die Betroffenen werden nicht gehört und beteiligt, schlicht und einfach vergessen. Beispiel hierfür ist die Gestaltung des Mahnmals an das Pogrom der Stadt Rostock im Jahr 2017.

Ein Erinnern, das auf Veränderung zielt, muss die Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit Rassismus in der deutschen Gesellschaft einfordern, der strukturell und institutionell historisch verankert ist und bis in die Gegenwart fortwirkt.

Anti-asiatischer Rassismus ist in Deutschland schließlich kein neues Phänomen, sondern etablierte sich spätestens mit der deutschen Kolonialisierung chinesischer und pazifischer Gebiete im 19. Jh. auf der strukturellen und institutionellen Ebene.

Daher stellt Rostock-Lichtenhagen keinen Einzelfall dar, sondern einen tragischen Höhepunkt von anti-asiatischem Rassismus in Deutschland. Der wurde nicht benannt, nicht aufgearbeitet, institutionell negiert und unsichtbar gemacht. Dies gilt auch für den massiven Rassismus gegen die geflüchteten Rom*nja. 

Auch die Ermordung etwa von Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân 1980 in Hamburg, Phan Văn Toản 1997 in Fredersdorf, Pham Duy-Doan 2011 in Neuss und die Vergewaltigung sowie der Mord von Li Yangjie 2016 in Dessau verweisen auf historische Zusammenhänge, die bis in die Gegenwart reichen. Erst vor kurzem hat der mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie 2020 aufflammende anti-asiatische Rassismus gezeigt, wie schnell kolonialrassistische Stereotypen und Feindbilder in Medien, Politik und breiten Gesellschaftsschichten aktiviert werden und in rassistische Übergriffe in der Öffentlichkeit münden.

Cross-Community Solidaritäten und Gedenken

Unser Engagement gegen anti-asiatischen Rassismus ist grundlegend mit anti-rassistischen Kämpfen und historischen Erfahrungen von anderen Communities of Color verbunden.

Dazu gehört beispielsweise die Auseinandersetzung mit dem NSU-Terror, dem Anschlag von Hanau oder der Support für die Black Lives Matter-Bewegung. 

Dazu gehört auch die gegenseitige Solidarisierung und die Notwendigkeit von Cross-Community-Allianzen im Gedenken und in der Aufarbeitung der Vielzahl von unaufgearbeiteten, vergessenen Fällen.

Wir verweisen auf die wichtige Arbeit von Gedenkinitiativen. Das Handeln von zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, das Handeln von post/migrantischen Selbstorganisationen ist unersetzlich, um politischen Druck auf staatliche Institutionen zu erzeugen.

Es geht darum, den Ermordeten und Hinterbliebenen zu sozialer Gerechtigkeit zu verhelfen.

Es geht darum, weitere Gewalt gegen People of Color und marginalisierte soziale Gruppen in Deutschland zu verhindern.

Es geht darum, für unsere eigene Zukunft, unsere eigene Sicherheit und Gleichberechtigung in diesem Land zu kämpfen.

Forderungen:

  • Wir unterstützen die Forderungen des Bündnisses „Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992“.
  • Wir fordern die deutsche Regierung auf, anti-asiatischen Rassismus in nationalen Aktions- und Maßnahmenplänen gegen Rassismus neben anderen Rassismen und Diskriminierungsformen anzuerkennen. 
  • Wir fordern eine multi-perspektivische Erinnerungspolitik.
  • Wir fordern eine Wiedergutmachung in Form einer angemessenen Entschädigung der Betroffenen des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen.

„Antirassistisches / (post)migrantisches Erinnern heißt politisch/kollektiv intervenieren und Gesellschaft verändern!“

Roma Center / Roma Antidiscrimination Network

Mit dem Ende des Kalten Krieges und den Transformationsprozessen in Ost- und Südosteuropa verschlechterte sich die Situation der Roma dort erheblich. Der Nationalismus brach sich Bahn, offene Diskriminierung und Rassismus gegen Roma nahmen zu. Viele Roma flohen nach Westeuropa.  In Jugoslawien begannen die ethnischen Konflikte und zehn Jahre Krieg. Roma gerieten dort zwischen die Fronten der Krieg führenden Parteien.

In Deutschland, gerade wiedervereinigt, gab es eine breite Stimmung gegen Geflüchtete, die sich auch in Gewaltexzessen äußerte. Der Pogrom von Rostock-Lichtenhagen war einer davon. Dass unter den Menschen, die dort attackiert wurden, viele Roma waren, ist weitgehend unbekannt. Der Pogrom entstand nicht aus dem Nichts, sondern ist das Ergebnis der von Politik und Medien geschürten Stimmung gegen Geflüchtete und des wieder zunehmenden Nationalismus und Rassismus im Land.

Der Umgang mit den geflüchteten Roma war dabei von besonderem Rassismus geprägt, denn er hat in Deutschland seit Jahrhunderten Tradition. So mussten geflüchtete Roma vor der Zentralen Aufnahmestelle in Rostock-Lichtenhagen ohne jede Versorgung und ohne sanitäre Anlagen kampieren, was seitens der Politik mit der „Roma-Kultur“ gerechtfertigt wurde. Die menschenunwürdigen hygienischen Zustände wurden dann nicht der Politik angelastet, sondern den Roma selbst und schürten weiteren Rassismus.

Ein direktes Ergebnis des Pogroms war nicht die Solidarität mit den Angegriffenen, sondern ein Rückübernahme-Abkommen mit Rumänien. Nur einen Monat nach dem Pogrom wurde es abgeschlossen, um Roma leichter abschieben zu können. Nicht nur Roma, die aus Rumänien geflüchtet waren, wurden dorthin abgeschoben, sondern auch Roma aus Jugoslawien. Aber auch nach Jugoslawien, wo gerade die Kriege tobten, wurden Roma abgeschoben.

Seit mehr als 30 Jahren kämpfen Roma um ein Bleiberecht in Deutschland. Die Deutschen und ihre Verbündeten haben Roma im Zweiten Weltkrieg in einem europaweiten Genozid vernichtet. 1999 hat sich Deutschland am Angriffskrieg gegen Jugoslawien beteiligt. Nach diesem Krieg, dem Kosovokrieg, wurden fast alle der 150.000 im Kosovo lebenden Roma von den Kosovo-Albanern vertrieben.

Bis heute übernimmt Deutschland keine Verantwortung für seine Vergangenheit. Weder für den Holocaust, bei dem 1,5 Millionen Roma ermordet worden sind. Noch für die Beteiligung am Kosovokrieg und die anschließenden ethnischen Säuberungen gegen Roma unter den Augen der stationierten Truppen und Organisationen. Stattdessen gab es Rückübernahme-Abkommen mit den Balkanstaaten, die Einstufung dieser Staaten als sicher und die weitere Stigmatisierung von Roma als Wirtschaftsflüchtlinge.

Ganz Europa erlebt seit Jahren einen massiven Rechtsruck. Roma werden von Politikern zu Sündenböcken gemacht, ihre Siedlungen werden geräumt. Sie werden Opfer von Kollektivbestrafungen. Vor kurzem hat ein rassistischer Mob die Roma-Community in einem Ort in Andalusien angegriffen, nachdem einzelne Mitglieder der Community wegen einer Straftat verhaftet wurden. Mehr als 30 Roma mussten aus dem Ort fliehen und können nicht zurück, obwohl sie nichts mit der Straftat zu tun hatten.

Viele Roma fliehen vor dem Krieg in der Ukraine. Ihre Flucht ist von Anfang an von Diskriminierung begleitet. Sowohl in der Ukraine selbst als auch in den Ländern, in die sie fliehen. So auch in Deutschland und hier in Rostock. Manche werden von Unterkunft zu Unterkunft geschickt. Sie bekommen keine privaten Unterkünfte, es kommt zu medialen Diskursen, die sich sämtlicher Stereotype bedienen und zu einer Aufspaltung in weiße Ukrainer:innen, die vor dem Krieg fliehen, und ukrainischen Roma, die den Krieg nutzen würden, um ökonomisch zu profitieren. Es ist die Wiederkehr des immer gleichen Rassismus und der Migrationsabwehr, die hier vor 30 Jahren bereits zum Pogrom gegen Roma geführt hat.

Wir fordern, dass Deutschland für seine Vergangenheit endlich Verantwortung übernimmt und Roma in Deutschland ein Bleiberecht gibt.

Wir fordern, dass bei Gedenkveranstaltungen, nicht nur dem Vergangenen und der Toten gedacht werden, sondern auch Verantwortung für die Gegenwart und ihre rassistischen Zustände übernommen wird.

Melissa Sejdi – Romano Sumnal

Liebe Engagierte, liebe Freundinnen und Freunde,
Phejalen, Phralalen (romanes: Schwester und Brüder)

Wir stehen hier heute auf der Straße, um an das Progrom in Rostock
vor 30 Jahren zu erinnern und um uns stark dafür zu machen, dass nie
wieder so etwas passiert.
In den letzten Tagen wurde viel über Rostock berichtet und auch in den
letzten Jahren war Rostock allen Menschen ein Begriff, jeder weiß, was
hier passiert ist, darf nie wieder geschehen.
Leider gerät die Geschichte der Romnja in dieser Tragödie oft in den Hintergrund. Romnja die 1992 nach Rostock kamen und Asyl suchten,
kamen hauptsächlich aus Rumänien. Romnja, die erleben mussten, dass sie nicht untergebracht wurden, die tagelang auf der Straße schlafen mussten und die bedroht, diskriminiert und angegriffen wurden. Über unsere Opfer, ihre Angst und ihr Leid ist wenig bekannt. Und es geschah nicht nur in Rostock auch bei uns in Leipzig wurden Anfang der 90er die asylsuchenden Romnja aus Rumänien oft schlechter
untergebracht und behandelt als andere Geflüchtete und waren vielen
Vorurteilen, Diskriminierungen und Übergriffen ausgesetzt.

Wenn wir heute hier stehen und rufen „Nie wieder!“
Dann müssen wir auch rufen „Nie wieder Antiromaismus“

Denn Antiromaismus den gab es in Deutschland nicht nur in der
Nazizeit, nicht nur 92 in Rostock Lichtenhagen, den gibt es auch heute
noch:
2018 brannte im sächsischen Plauen ein Haus in dem Romnja lebten, die zum Zeitpunkt mit ihren Kindern im Haus waren, die Nachbarn standen auf der Straße und riefen „Lasst sie brennen!“. Und das ist nur der Gipfel des Antiromaismus, den viele von uns tagtäglich erleben. Die Romnja aus Rostock von 1992 mussten damals größtenteils
zurück in ihre Herkunftsländer z.B. nach Rumänien. Heute kommen
viele rumänische Romnja zu uns und arbeiten in der Fleischindustrie und auf den Feldern, sie erleben unmenschliche Lebens- und Arbeitsbedingungen werden ausgebeutet in einer modernen Sklaverei – auch das ist Antiromaismus! Auch dagegen wehren wir uns! Auch in der aktuellen Kriegszeit in der Ukraine erleben wir leider viele schlimme Diskriminierungen.

Unser Verein begleitet Romnja aus der Ukraine, die in Sachsen ankommen und wir erfahren oft leider immer wieder das gleiche:

  • Viele Menschen erfahren in den Gemeinschaftsunterkünften leider antiromaistische Diskrimnierung durch andere Bewohnerinnen.
  • Bei der Wohnungssuche ist es für sie sehr viel schwerer eine Wohnung zu bekommen
  • und wenn es um die Aufnahme bei Privatpersonen geht, werden sie oft auch nicht untergebracht
  • und selbst bei Verteilung von Spenden werden sie oft ausgegrenzt.

Lasst uns heute und jeden Tag ein Zeichen gegen Antiromaismus und für Romnja und Sint*ezze setzen

Alle Menschen brauchen den gleichen Schutz!

Opre Roma!

Sayed Hashimi – Jugend spricht

Ich wurde während eines Krieges geboren, der mein Land, Afghanistan,
immer noch beherrscht. Als ich aufwuchs, war überall Gewalt um mich
herum. Ich erinnere mich als ich etwa 7 Jahre alt war, wie ich mit meiner Familie in meinem Wohnzimmer saß, als ein Knall uns alle aus unseren Sitzen riss. Als das Geräusch der Raketen näher und näher kam, zogen sich unsere Körper zusammen und erstarrten. Meine Großmutter führte uns in einen Raum im hinteren Teil des Hauses. Nicht versteckt, aber für uns fühlte es sich irgendwie sicherer an. Ich hielt meine Oma fest, ballte meine Fäuste und fragte mich, warum uns das passierte. Ich erinnere mich noch gut an das Gesicht meines kleinen Bruders, der jedes Mal erschreckte, wenn wir eine Rakete hörten.

Es waren diese Gewalt und dieser Krieg, der bis heute andauert, die
mich zwangen, meine Heimat zu verlassen.

Wenn ich Leuten von meinem Leben erzähle, sagen sie manchmal, es
sei eine besondere Geschichte. Aber das ist nicht wahr. Millionen von
Menschen leben in Krieg und Vertreibung und versuchen zu überleben.
Für diese Menschen, wie mich und meine Familie, besteht der Traum
nicht darin, reich zu werden oder in den Urlaub zu fahren oder das
perfekte Haus zu kaufen. Sie haben einen bescheidenen, aber irgendwie
doch großen Traum von Sicherheit. Sie träumen von einem Tag, an dem
sie ohne Angst vor Gewalt auf den Markt gehen können. Oder ihre
Kinder zur Schule schicken, ohne Angst um ihr Leben zu haben.
Ich kam im November 2017 aus Afghanistan und habe in Deutschland
Asyl beantragt. Ich habe in zwei Erstaufnahmeeinrichtungen für
Geflüchtete gelebt. Zuerst in Horst, danach in Sternbuchholz. Es war
nicht einfach in diesen beiden Camps zu leben. Denn ich verstand alles,
was die Angestellten sagten, und ich beobachtete alles ganz genau.
Um im Camp zu essen, muss man die Essenszeiten einhalten. Der
Speiseplan wiederholt sich ständig. Es stört nicht nur, dass das Essen
sehr eklig schmeckt, sondern auch, dass es viel zu wenig ist.
In der Kantine gibt es sogar eine Angestellte, die sagt: „Einmal, bitte“.
Man nimmt sich nur einmal, weil Hunderte andere hinter einem stehen.
Trotzdem wird jeden Tag Essen weggeworfen.
In diesem Camp wird man streng von Securities kontrolliert. Man darf nie länger als zwei oder drei Nächte abwesend sein. An diesem Ort gibt es immer Ärger, Stress, Angst und Unklarheit über das Asylverfahren.
Von außen wirkt es wie ein gigantisches logistisches Wunder, doch bei
näherem Betrachten ist es eher ein Wunder, dass überhaupt etwas
funktioniert. Wenn man die Sozialarbeiter:innen etwas fragt, dann ist die
Antwort meistens: „Ich weiß nicht.“ Und das ist klar, denn die meisten
von ihnen haben keine Ausbildung als Sozialarbeiter:in. Zu Beginn habe
ich nicht verstanden, was eigentlich ihre Aufgabe ist. Um ehrlich zu sein:
Ich weiß es bis heute nicht.

Asylsuchender zu sein bedeutet heute in Deutschland in einem
ultralangen und nervenaufreibenden Verfahren zu sein. Man ist ständig
physischem und psychischem Druck ausgesetzt. Die Traumata der
Flucht multiplizieren sich mit den neuen Traumata in den Camps.
Doch das bedeutet nicht, dass wir unsere Hoffnung und unseren Mut
verlieren. Wir kommen hier her mit den Träumen von Freiheit und
Würde. Und wir kämpfen in unseren Leben weiter dafür. Denn es gibt
immer Raum, um unseren Weg in eine bessere Zukunft selbst zu
bestimmen.
Mein Weg in Deutschland hat in Nostorf – Horst begonnen. Ich hatte
zuerst erwartet, dass ich hier ein ruhiges Leben führen würde und dass
ich nicht weiter politisch aktiv sein müsste, wie ich es in Afghanistan war.
Doch was ich in Horst erlebt habe, hat mich dazu gebracht, aktiv zu
bleiben. Als ich Mitbewohner:innen beim Übersetzen geholfen habe,
habe ich viele Ungerechtigkeiten gesehen, die ich nach außen tragen
wollte. Ich habe bei einer Mahnwache Pro Bleiberecht kennengelernt
und später Unterstützer:innen von der Kirche in Schwerin. Ich habe so
Mitstreiter:innen und Freund:innen gefunden.
Nachdem ich aus Horst und später aus Sternbuchholz ausziehen konnte,
habe ich mir vorgenommen weiter für die Rechte derjenigen zu kämpfen, die in den Flüchtlingscamps leben müssen. Ich will, dass sie dort nicht vergessen werden. Einige Freunde und ich haben 2019 die Initiative „Jugend spricht“ gegründet. Es ist eine Initiative für junge Migrant:innen und Geflüchtete, in der wir uns empowern und gemeinsam aktiv sein können. Wir unterstützen junge Menschen dabei, hier ihren Bildungsweg zu gehen, Infos zum Leben in Deutschland zu vermitteln und organisieren Empowermentworkshops und politische Bildung. Wir wollen die Gesellschaft mitgestalten.
Wir stehen hier in einem der mächtigsten Länder der Welt. Und das
erste, was wir tun können, ist zu fordern, dass die deutsche Regierung
die Bedingungen für die Geflüchteten, die in Erstaufnahmelagern leben,
verbessert. Wir fordern das 30 Jahre nach dem Pogrom in Rostock-
Lichtenhagen.

30 Jahre nachdem die Politik dieses Pogrom benutzte, um die
Asylgesetze zu verschärfen.

Demokratie bedeutet Gleichberechtigung und Freiheit. Für alle.

Initiative von Betroffenen des Anschlags in Halle und Wiedersdorf & Soli Gruppe TEKIZ

„Die Sonnenblumen blühen nicht mehr“

Die Sonnenblumen blühen nicht mehr. Und das schon seit mehr als 30 Jahren. Mit den pogromartigen Ausschreitungen, die sich dieser Tage zum dreißigsten Mal jähren, spitzte sich das Ausmaß an Gewalt zu, welches in den Jahren zuvor schon seinen Lauf nahm. 

In den letzten Wochen und Tagen erschien Rostock-Lichtenhagen erneut in den Medien. In Leitartikeln großer Zeitungen, in Reportagen und Podcasts werden die rassistischen und antiziganistischen Übergriffe thematisiert, es wird bedauert und Entsetzen gezeigt und dann und wann schleicht sich die Frage ein, wie es eigentlich dazu kommen konnte. 

JA… Wie es dazu kommen konnte?! Diese Frage wird häufig nur punktuell gestellt und nur selten erhalten Betroffene die Möglichkeit, zu Wort zu kommen, ihr Zeugnis über das Erlebte abzulegen, zur Aufklärung beizutragen und die Ereignisse aufzuarbeiten – für sich selbst. Aber auch in einem mehrheitsgesellschaftlichen Kontext. Der Fokus richtet sich stattdessen voyeuristisch auf die Täter*innen, auf jene Menschen, die daneben standen und angefeuert haben. Statt mit jenen zu reden, die die Gewalt erlebt und erlitten haben. Was haben diese Erfahrungen mit ihnen gemacht? Welche Ängste haben sie geschürt, welche Wunden verursacht und welche Narben hinterlassen? 

“Schlagen mit dem, was sie in der Hand haben. Kaputt machen. Die finden das lustig. Die Tische umzuwerfen, die Waren mitzunehmen…Die finden das lustig. Warum? Waaarum?!” diese Beschreibung Nguyen Dinh Khois der Ereignisse zeigt, mit welcher Wucht die Gewalt des Moments, wie auch die Erinnerung an sie, einen auch Jahrzehnte später trifft. 

Die Erinnerungen und das Unverständnis. Man ist doch schließlich in gutem Glauben gekommen, in der Hoffnung hier sei alles anders. Man fände hier eine bessere Zukunft. In der Hoffnung, man könne hier aufblühen.

Doch die Sonnenblumen blühen nicht mehr. Mit den Ausschreitungen in den Augusttagen 1992 hat man jedoch den Nährboden zerstört: Behörden, die als Auftrag haben zu schützen, haben versagt, Institutionen haben weggeschaut und Regierungen haben die Molotow-Cocktails, die ‘Sieg Heil’ Rufe, die rassistischen Schrei-Chöre, die Backsteine, die hell lodernden Autos und die brennenden Wohnungen – all das und noch viel mehr – haben sie bagatellisiert und verharmlost und somit zu einer Kontinuität rechter Gewalt beigetragen, die sich bis in die Gegenwart zieht. 

“Die Opfer haben kein Gesicht” Auch 30 Jahre nach den Ausschreitungen bemerkt Mai-Phuong Kollath, dass Betroffene keinen würdevollen Umgang erfahren – zu stark ist die Fixierung auf Täter*innen und zu gering das Wissen über den Umgang mit Traumata. Die Wege, mit dem Trauma des Erlebten einen Umgang zu finden, sind vielfältig. Es ist zu hoffen, dass wir einen Beitrag dazu leisten können, dass dies mehr Akzeptanz und praktische Umsetzung findet. 

Diese Kontinuität rechter Gewalt. Es braucht einen Paradigmenwechsel, ein Gedenken und Erinnern, dass sich an den Wünschen und Bedürfnissen von Überlebenden, Angehörigen und Betroffenen orientiert. Es ist deshalb wichtig, dass sich Betroffene gegenseitig zuhören und stärken. Wir sind heute hier, um Euch zur Seite zu stehen und mit euch zu Erinnern und zu Gedenken.“

Gedenkinitiative Phan Văn Toàn

Im Gedenken an Phan Văn Toàn.

Es ist der 31. Januar 1997, die Temperatur in Fredersdorf ausserhalb von Berlin liegt um den Gefrierpunkt. Um den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern, steht der 42-jährige Phan Văn Toàn auch in der Kälte draussen und verkauft Zigaretten.

Mit dem Ende der DDR waren viele ehemalige Vertragsarbeiter_innen in ihrer Existenz bedroht.
In der von der CDU und rechten Medien geschürten, rassistischen und nationalistischen Stimmung der 1990er Jahre, waren sie nicht nur ständig der Gefahr staatlich legitimierter Gewalt ausgesetzt, sondern auch ökonomisch komplett auf sich allein gestellt.

Die Arbeit, die Phan Văn Toàn verrichtete, war illegalisiert und ständigen Anfeindungen ausgesetzt. Gleichzeitig wurde sie viel und gerne in Anspruch genommen. Auch von denjenigen, die ihn dafür anfeindeten – auch von Rassist_innen – auch von Nazis.

Die perfide Verschränkung der Ausbeutung von – und Hetze gegen illegalisierte Arbeit hat System.

Noch heute ist sie ein Grundstein bundesdeutscher Wirtschaftspolitik. Arbeiter_innen in solchen Bereichen tragen ein hohes Risiko zu Opfern von Gewalt zu werden, weil Menschenfeinde ihre schwierige Lage erkennen und ausnutzen.

So geschah es auch Phan Văn Toàn. Die Nazis, welche am S‑Bahnhof Fredersdorf eine Fahrradaufbewahrung betrieben, klauten wieder einmal Zigaretten aus seinem Lager. Als Phan Văn Toàn notgedrungen das Gespräch sucht, wird er von zwei der Nazis lebensgefährlich verletzt. Drei Monate kämpft er im Krankenhaus um sein Leben und stirbt am 30. April 1997 an den Folgen des Angriffs.

Trotz rassistischer Parolen im Gerichtssaal will das Landgericht Frankfurt (Oder) später keinen ideologischen Hintergrund der Tat sehen. Stattdessen wird die Darstellung der Täter in das Urteil übernommen. Nicht Habgier und Rassismus stehen im Fokus der Verhandlung, sondern die illegalisierte Arbeit von Phan Văn Toàn. Einige Jahre später wird dieselbe Kammer auch beim Mord am Punk Enrico Schreiber kein politisches Motiv bei den neonazistischen Tätern erkennen.

Das besondere Verständnis der deutschen Justiz für Neonazis hat lange Tradition.

Mehr als 20 Jahre nach dem Mord gibt es seitens der Kommune noch immer kein Gedenken an Phan Văn Toàn. Keine Unterstützung für seine Hinterbliebenen. Kein Wort der Verantwortung, des Bedauerns, Nichts. Im Gegenteil: Als im Januar 2020 erstmals Initiativen mit einer Kundgebung daran erinnern, drückt der CDU-Bürgermeister offensiv sein Missfallen aus. Nach der Kundgebung wird der provisorisch errichtete Gedenkort zerstört.

Der Mord an Phan Văn Toàn ist nun 25 Jahre her. Das Pogrom von Rostock Lichtenhagen 30 Jahre.
Die bürgerliche Geschichtsschreibung möchte beides gerne vergessen. Weil wir sie nicht lassen, wird versucht „Erinnern“ zu einer Gruselgeschichte über längst vergangene Tage zu machen.

Ihr Erinnern heißt Vergessen.

Auch das ist deutsche Tradition. Der Nationalsozialismus wird zu einer Verführungsgeschichte umgedeutet, Lichtenhagen zum Mysterium und die vielen rassistischen Morde zu Einzelfällen verklärt. Jedes schreckliche Mal auf’s Neue tut man überrascht, dass Rassist_innen morden.

Diese widerliche Heuchelei können die sich sonst wohin stecken.

Wer selbst rassistisch hetzt, Nazis zu „besorgten Bürgern“ adelt oder die Augen vor der rassistischen Tyrannei deutscher Institutionen verschließt, ist selbst Teil des Problems und trägt Mitverantwortung für die Gewalt.

Unser Erinnern heißt Verändern.

Als Gedenkinitiative setzen wir uns dafür ein, Phan Văn Toàn würdevoll zu gedenken.
Damit sind wir in der Pflicht rassistische Gewalt in all ihren Formen – durch Schläge, Zeitungsartikel oder Gesetze – zu benennen. Auch die Parallelen und Verbindungen von klassistischer und rassistischer Gewalt müssen benannt werden.

Die deutsche Tradition brechen.
Fredersdorf ist auch bei dir im Ort.
Phan Văn Toàn ist nicht vergessen.

Grußwort von Mustafa Turgut

Sehr geehrte Damen und Herren,

Vor 18 Jahren nahm der NSU mir kaltblütig meinen Bruder.

18 Jahre, in denen ich täglich an ihn denke und ihn vermisse.

Der Schmerz ist unverändert.

Unverändert, weil keine Aufklärung stattgefunden hat.

Unverändert, weil Versprechen nicht eingehalten wurden!

Unverändert, weil Neonazis noch immer mordend durch Deutschland ziehen.

Aber meine Familie und ich haben den Glauben nicht verloren!

Wir glauben an die Gerechtigkeit und wir schenken unser Vertrauen weiterhin dem Staat, der den Mord an meinem Bruder und weiteren 9 unschuldigen Menschen, sowie die Bombenanschläge auf etliche unschuldige Menschen, eines Tages zu 100%, samt seinen Hintermännern, auflösen wird.

Wir werden die Hoffnung nicht aufgeben und wir werden nichts vergessen und weiterhin daran erinnern, dass auch wir nicht vergessen werden dürfen.

Hiermit möchte ich noch ein weiteres Mal daran erinnern, dass es nach wie vor unser Wunsch ist, den Neudierkower Weg, die Straße, in dem mein Bruder ermordet wurde, in die Mehmet Turgut Straße umzubenennen.

Es sind die guten Taten, die unseren Schmerz lindern werden, es ist das Mindeste, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen!

Andere Straßen wurden längst als Zeichen der Solidarität nach den anderen Opfern des NSU benannt. Wieso dauert es bei der Umbennung des Straßennamens als Andenkens meines Bruders so lange, dies ist zunehmend unfair und traurig.

Ich möchte weiterhin daran glauben, dass Deutschland ein Land ist, in dem keine Straftat ungesühnt bleibt und die Opfer mehr Wert sind, als die Täter.

Vielen Dank.

Mustafa Turgut

Cornelia Kerth – VVN-BdA

Liebe Freundinnen und Freunde,

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes wurde von überlebenden Widerstandskämpfer:innen und Verfolgten des Nazi-Terrors gegründet.

Sie haben sich nach der Befreiung organisiert, um ihre Forderungen durchzusetzen:

  • die Bestrafung der Schuldigen
  • die Entschädigung der Oper
  • die Erinnerung an das, was geschehen ist und warum es geschehen konnte

als Grundlage dafür, dass es nie wieder geschehen sollte.

In beiden deutschen Staaten bestand die Mehrheit der Bevölkerung aus Täter:innen (man denke nur an die Millionen ehemaliger Soldaten der Wehrmacht), Sympathisant:innen und Mitläufer:innen, die nun Teil der postfaschistischen Gesellschaft werden sollten und mussten. In der DDR wurden zumindest verantwortliche Kriegs- und andere Nazi-Verbrecher verfolgt und bestraft, in der BRD geschah dies nur in Ausnahmefällen.

In beiden Staaten wurde allerdings nicht an den spezifisch deutschen völkischen Nationalismus gerührt, der schon im Kaiserreich zur herrschenden Ideologie gehörte. Platt gesagt: In der DDR lebten die Nazis jenseits des Antifaschistischen Schutzwalls, im Westen waren sie 1945 genauso plötzlich verschwunden, wie sie 1933 aufgetaucht waren.

Die Deutschen waren letztlich selbst „Opfer“ – erst die der Nazis, dann die der Alliierten. So wurde es zumindest in vielen Familien tradiert. Als 1989 die Sprechchöre in der DDR nicht mehr riefen „wir sind das Volk“, sondern „wir sind ein Volk“ und bald darauf die Mauer fiel, -waren sie endlich befreit!

Als dann „zusammenkam, was zusammengehört“ und die weltweiten dramatischen Umbrüche Menschen vor Allem aus den ehemals sozialistischen Ländern zum Verlassen ihrer Heimat bewegten und die Zahl ankommender Geflüchteter stieg, wurde der alte Rassismus ganz schnell zum verbindenden Element nicht nur der Rechten in Ost und West.

„Das Boot ist voll“ wurde im Lauf des 1. Halbjahrs 1992 zu einer Parole, die von Politikern und Medien aller Art hoffähig gemacht wurde, nachdem bereits im September 1991 mehrtägige Angriffe auf Geflüchtete und Vertragsarbeiter in Hoyerswerda damit geendet hatten, dass diese unter dem Gejohle der Angreifer:innen in Bussen weggebracht wurden.

Eine von 1.483 rechten Gewalttaten 1991 – nach der Statistik des Bundeskriminalamts, wohlgemerkt …

Keine Empathie mit den Angegriffenen, Gewalttäter als „besorgte Bürger:innen“ – das kennzeichnet, das gesellschaftliche Klima jener Jahre. Zugleich organisierten sich Nazis aller Art und fanden in den neuen Bundesländern Zulauf.

Die Belagerung des Sonnenblumenhauses begann nach einer Veranstaltung der NPD-Tarnorganisation „Hamburger Liste Ausländerstop“ (HLA) in Rostock und wochenlanger Berichterstattung – nicht über die unhaltbaren Zustände in der Zentralen Aufnahmestelle, sondern über Roma-Familien, die gezwungen waren, vor dem überfüllten Haus im Freien zu lagern. Eine maximale Stigmatisierung der armen Menschen, die an den Jahrhunderte alten Antiziganismus anknüpfen konnte.

Eines der Leitmedien des bundesdeutschen Bildungsbürgertums, der „Spiegel“, zeigte auf dem Cover einer Ausgabe im August 1992 eine nicht enden wollende Schlange schwarzhaariger grimmiger Männer unter der Überschrift „Asyl – die Politik versagt“.

Die Chronologie lässt kaum einen anderen Schluss zu, als dass die politisch und operativ Verantwortlichen in den Tagen des Pogroms zumindest nicht einen ernsthaften Versuch gemacht haben, dem Hass, der Gewalt und dem Mordversuch ein Ende zu machen. „Versagen“ möchte ich das nicht nennen …

Dass danach kein Täter zur Verantwortung gezogen wurde, dass die mit Glück Überlebenden mit ihrem Trauma, mit der Angst, mit dem Verlust des Obdachs und ihres Besitzes allein gelassen wurden, dass nicht die „Hamburger Liste Ausländerstop“ und die NPD verboten wurden, sondern stattdessen das Grundrecht auf Asyl abgeschafft und das schändliche System der „Lager“ eingeführt wurde, das bis heute den Alltag von Schutzsuchenden bestimmt, hat die Nazi-Szene ermutigt, den Terror zu verstetigen.

Die Brandanschläge von Mölln und Solingen, mehr als 200 Opfer rechter Gewalt – darunter die 10 des bis heute offiziell noch immer nicht aufgeklärten rechten Netzwerks NSU Ermordeten – sind möglich, wenn die Täter sich als Vollstrecker eines „Volkswillens“ verstehen können, den „die Politiker“ angeblich ignorieren.

Kassel, Halle, Hanau machen deutlich, dass „es“ nicht vorbei ist, es gehört in diesem Land zum Alltag. Genauso wie die regelmäßig auffallenden rechten Chatgruppen und andere Netzwerke, an denen Polizei, Soldaten und Mitarbeiter des Inlandsgeheimdiensts mit dem schönen Namen „Verfassungsschutz“ beteiligt sind.

Heute wie damals verlangen wir Aufklärung, Bestrafung der Schuldigen, Entschädigung der Opfer, um ein für alle Mal klarzumachen:

Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!

Çetin Gültekin – Initiative „19. Februar Hanau“

Liebe Freundinnen und Freunde.

Mein Name ist Cetin Gültekin. Ich bin der Bruder von Gökhan Gültekin, der mit acht weiteren jungen Menschen am 19. Februar 2020 in Hanau von einem Rassisten ermordet wurde: Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Vili-Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz. „Say their names“ steht in Hanau über unserem Treffpunkt, und wir nennen die Namen immer wieder, um an unsere Liebsten zu erinnern.

Der rassistische Täter von Hanau begann seine Mordserie mit einer Ceska, einer Pistole, die er sich kurz vor der Tat in einem Waffengeschäft legal ausgeliehen hatte. Diese Ceska – wie auch der weiße Wolf mit blauen Augen auf der Webseite des Mörders – waren kein Zufall. Denn die Ceska war die bekannte Mordwaffe des NSU. Mit dieser Waffe wurde am 25. Februar 2004 hier in Rostock Mehmet Turgut erschossen. Er war das fünfte Opfer des NSU.

Die rassistischen Mörder des NSU – und es waren sicherlich mehr als drei – haben sich in den 90er Jahren radikalisiert. Insbesondere von den rassistischen Pogromen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, von den Morden in Mölln und Solingen wurden sie als Jugendliche geprägt und in ihrem wachsenden faschistischen Weltbild bestärkt. Von Rostock-Lichtenhagen über den NSU bis nach Hanau: wir sehen eine zusammenhängende Linie rechter Gewalt, die von Polizei und sogenannten Sicherheitsbehörden nicht verhindert oder sogar toleriert wurde. Wir erleben über mindestens 30 Jahre eine blutige Spur rassistischen Terrors.

Die rassistischen Mörder haben uns unsere Liebsten genommen. Doch so groß unser Leid ist und so tief auch unser Schmerz bleibt, wir lassen uns nicht einschüchtern und schon gar nicht vertreiben. Von München bis Rostock, in Halle oder Hanau: Wir stellen uns den Rassisten und Faschisten entgegen. Wir kämpfen auf vielen Ebenen gegen diese menschenverachtende Ideologie und an vielen Orten: in Parlamenten und auf der Strasse, im Internet oder in den Behörden. Wir sind auf dem Weg zu einer Gesellschaft der Vielen und davon lassen wir uns von den Rassisten nicht abbringen.    

Wir, die Betroffenen rassistischer Gewalt, haben angefangen, uns besser zu vernetzen und stärker zu organisieren. Wir kämpfen überall um ein würdiges Erinnern, um lückenlose Aufklärung und um Konsequenzen in Staat und Gesellschaft. Und wir versprechen: wir werden keine Ruhe geben, bis sich etwas grundlegend verändert hat.

Liebe Freundinnen und Freunde.

Ich habe meine Rede mit der Erinnerung begonnen und mit der Veränderung beendet. Dazu passend möchte ich mit einem Slogan aus Hanau schließen, der ja auch in den Aufruf zur heutigen Demonstration übernommen wurde: „Erinnern heißt verändern“.

Danke für Eure Aufmerksamkeit.

Kien Nghi Ha

Bereits vor zehn Jahren war ich an diesem Ort, um meine Rede „Ich bin hier, weil ihr hier seid“ zu halten. 2012 war ich einer der wenigen Menschen of Color und meines Wissens nach der einzige Vietdeutsche, der damals angefragt wurde inhaltlich beizutragen. Die Situation heute hat sich stark verbessert. Ich bin sehr froh, dass so viele verschiedene Perspektiven aus unterschiedlichen Communities of Color hier vertreten sind. Dieses interkommunale und solidarische Gedenken stärkt mich und ich weiß, dass wir zusammen erinnern, gedenken und kämpfen können. 

Die vietnamesischen Bewohner:innen des Sonnenblumenhauses kamen als Vertragsarbeiter:innen in die DDR, wo sie in isolierten Heimen wohnten, als Asiat:innen im Alltag exotisiert wurden, aber auch mit rassistischen Zumutungen wie ungleichem Lohn und Diskriminierung am Arbeitsplatz zu kämpfen hatten. Die Ethnisierung der Arbeitslosigkeit im Zuge der Abwicklung der DDR-Betriebe verschärfte ihre aufenthaltsrechtlich wie sozial prekäre Situation nochmals. Wenn wir uns an den jahrelangen Kampf für das Bleiberecht der ehemaligen Vertragsarbeiter:innen in Erinnerung rufen, dann wird schnell klar, wie mühselig, kostenintensiv und nervenaufreibend die Auseinandersetzung mit dem Ausländeramt für die Betroffenen für jede auf wenige Monate befristete Duldung war. Es fiel der Politik sehr schwer das rigide Regime des Ausländerrechts zu lockern und als 1997 dann eine Bleibeperspektive zustande kam, wurden möglichst hohe Auflagen eingebaut. Viele mussten in die Zwangsselbstständigkeit gehen, um nicht durch Sozialhilfebezug ihr Aufenthaltsrecht zu gefährden und überlebten diese Situation nur durch selbstausbeuterische Arbeitsbedingungen. Auch die Polizei spielte nicht nur in dieser Zeit eine sehr unrühmliche Rolle, wobei die aufsehenerregenden Missbrauchsfälle auf dem Polizeirevier Bernau im Jahr 1994 nur eine von vielen Fällen des institutionalisierten Rassismus in dieser Behörde darstellt. Insoweit widerspricht das Pogrom nicht den bis dato gemachten Deutschlanderfahrungen, sondern reiht sich als negativer Höhepunkt in die Serie von rassistischen Diskriminierungs, Marginalisierungs- und Gewalterfahrungen ein.

Angesichts der Tatumstände und der Verstricktheit von Politik, Medien und Sicherheitsorganen erwarteten die angegriffenen Communities keine Hilfe von der Weißen Mehrheitsgesellschaft. Ihre Erfahrungen waren diesbezüglich eindeutig: Statt Entschädigung und eine angemessene juristische Aufarbeitung der rassistischen Gewalt, waren sie von der Abschiebung bedroht. Gerade die ständigen Konflikte mit deutschen Verwaltungen aufgrund des ungesicherten Aufenthaltsrechts, löste grundsätzliche Ängste aus. Wer mit solchen fortdauernden existenzbedrohenden Problemen konfrontiert ist, hat natürlich nicht den Kopf frei sich mit den vielfältigen Auswirkungen des Pogroms auseinanderzusetzen. Die vietdeutsche Community in Rostock war und ist aktiv. Der Glaube, dass sie passiv und unsichtbar seien, ist ein Klischee. Sie hat sich sehr wohl vor Ort für ein besseres und interkulturelles Zusammenleben eingesetzt. So wie sie sich während des Pogroms selbstorganisiert, verteidigt und sich selbst über das Dach aus dem brennenden Haus gerettet hat, so hat sie später das Bleiberecht gegen Widerstände aus Politik und Verwaltung erstritten und sich aktiv für den Aufbau ihrer lokalen Gemeinschaft eingesetzt. Für diese Verdienste gebührt ihr viel Respekt und Anerkennung.

 Vor 30 Jahren lebte ich als junger Student der Politikwissenschaft in Berlin. Ich kam als Kind einer Boat-People Familie nach West-Berlin wuchs eigentlich mit dem Wunsch auf, anerkannter Teil der deutschen Gesellschaft zu sein und wollte wie viele Menschen of Color wie selbstverständlich dazu gehören. Ich wollte in Deutschland einfach entspannt leben.

Aber das Pogrom gegen die vietnamesische Community in Rostock-Lichtenhagen räumte grundlegend mit meinen Illusionen über Deutschland auf. Je nationalistischer der deutsche Wiedervereinigungsprozess eskalierte und je stärker die rassistischen Exzesse in den Parlamentsdebatten und die aufhetzende Medienberichterstattung über die angebliche „Asylantenflut“ wurden, desto wachsamer und politischer wurde ich. Ich habe in dieser Zeit so viel über die Weiße deutsche Gesellschaft gelernt und hatte das Gefühl, erstmals hinter die Fassade der liberal-bürgerlichen Idylle zu blicken. Was ich dann in Rostock-Lichtenhagen ungeschminkt sah, war ein rassistischer Abgrund, der blanke Horror. So viel massenhafter dumpfer Hass gepaart mit dem selbstverliebten Selbstbild als aufgeklärte Nation der Dichter, Denker und Dauersäufer. Die live im Fernsehen übertragenen Bilder von dem brennenden Sonnenblumenhaus, das tagelang wie bei einer mittelalterlichen Belagerung sturmreif angegriffen wurde, waren einfach unfassbar: Es sprengte alles, was ich mir bis dahin vorstellen konnte im modernen, angeblich so zivilisierten und demokratisch-rechtsstaatlichen Deutschland. Rostock-Lichtenhagen war für mich ein erneuter Zivilisationsbruch! Meine Gefühle waren eine bizarre und widersprüchliche Mischung aus absolutem Unglauben, Entsetzen, Abscheu, Wut, Trauer, Hilfslosigkeit und Trotz. In der unmittelbaren Situation wusste ich mir nicht besser zu helfen als einen Leserbrief an die taz zu schreiben.

Was ich in diesen Jahren ebenfalls erlebte und was mich bis heute prägt, war aber auch die Erfahrung in migrantischen, antirassistischen Zirkeln von People of Color, dass selbstorganisierter Widerstand möglich ist, dass wir solidarische Strukturen aufbauen können und trotz unserer beschränkten Mittel nicht wehrlos sind.

Vor dem Pogrom in Lichtenhagen dachten alle, dass sowas nach der Nazizeit in Deutschland nicht mehr möglich sei. Das dachte ich auch. Bis zum Pogrom lebte ich in einer realitätsfernen Blase und dachte ich sei integriert, weil ich den deutschen Pass habe. Rostock-Lichtenhagen und die explosionsartige rassistische Gewaltwelle in den 1990er Jahren zeigten mir, dass es ein anderes, sehr dumpfes und immer noch ziemlich schwarzbraunes Deutschland gibt. Das Pogrom dauerte vier Tage. Es war ein Volksfest mit Deutschlandweit angereisten Teilnehmenden. Es gab Bratwurstbuden, viel Bier und ein jubelndes Publikum. Und obwohl dieses rassistische Spektakel in aller Öffentlichkeit zelebriert und im Fernsehen live übertragen wurde, war das absolut Unmögliche trotzdem möglich bzw. wurde durch das Versagen der Weißen Institutionen möglich gemacht. Solange es einen strukturellen Rassismus in der Gesellschaft gibt und die Institutionen dieses Machtungleichgewicht abbilden und rassistische Hierarchien mit Leben füllen, ist Rassismus in jeder Form denkbar und möglich. Wir müssen daher wachsam und solidarisch bleiben.

Forderungen

1) Auch nach 30 Jahren ist es nicht zu spät, die Romnja und vietdeutschen Betroffenen des Pogroms materiell zu entschädigen und ihnen ein Rückkehrrecht anzubieten. Wenn die offizielle Entschuldigung der Stadt Rostock von 2002 nicht nur eine leere Floskel ohne Konsequenzen ist, wäre es jetzt dringend geboten, ein großzügig ausgestatteten Fond zur Wiedergutmachung des historischen Unrechts einzurichten. Nach dem skandalösen Versagen von Politik, Stadtverwaltung und Justiz fordern wir die staatlichen Institutionen auf, zumindest jetzt ein Mindestmaß an rechtsstaatlichen und ethischen Anstand zu zeigen.

2) Wir fordern die Kultur- und Wissenschaftsbetriebe auf, sich stärker mit den Pogromen und der rassistischen Gewalt in den 1990er Jahren auseinandersetzen. Diese Zeit ist so grundlegend wichtig und gerade der Komplex Rostock-Lichtenhagen wurde bisher nur unzureichend erforscht und ist kulturell kaum verarbeitet.

3) Wir fordern die Stadt Rostock auf, dass dezentrale Gedenkkonzept zu überarbeiten und die bisher unverständlichen Denkmäler so zu ergänzen, dass sie dazu einladen sich inhaltlich mit dem Pogrom auseinanderszusetzen.

4) Wir fordern alle Menschen und speziell die Medien dazu auf, das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen nicht weiter als „ausländerfeindliche Gewaltexzesse“ oder als „fremdenfeindliche Ausschreitungen“ kleinzureden und zu verharmlosen sowie die Verantwortung staatlicher Institutionen und politischer Eliten unsichtbar zu machen. Das Pogrom ist ein Pogrom, weil staatliche Institutionen und Verantwortungsträger unprofessionell handelten. Sie haben versagt, die Gewalt zugelassen und toleriert. Und in nicht wenigen Fälle wurde der Rassismus – intendiert oder nicht – politisch und medial gefördert. Wer die historische Tatsachen – so bitter und unbequem sie auch sind – leugnet, setzt rassistische Praktiken fort, die die Betroffenen des Pogroms erneut diskriminiert. Das wollen und werden wir nicht zulassen. Dagegen werden wir uns heute und in Zukunft mit aller Macht gemeinsam wehren.